Früher waren die Kinder doch auch immer zusammen?

Was bedeutet Gleichaltrigenorientierung?

Wieso soll es heute schädlich sein, dass Kinder von sehr früh auf ständig mehr mit anderen Gleichaltrigen zusammen sind als mit ihren Hauptbezugspersonen?
Eine Leserin von Gordon Neufelds Buch hat mir eine Frage gestellt, mit der ich häufiger konfrontiert werde, und ich hoffe, Frage und meine Anwort für viele Eltern interessant sind.

Hier die Zuschrift:

„Ich lese gerade (und bin schon fast fertig) das Buch „Unsere Kinder brauchen uns“ und bin total begeistert und versuche es auch in die Welt hinauszutragen (gebe die Ansätze an meine Freundinnen weiter, empfehle Ihr neues Buch über dieses Thema, …). Trotzdem habe ich eine Frage, die Sie mir sicher beantworten können (diese Frage kommt nämlich oft, wenn ich über diese wichtige Eltern-Kind-Bindung spreche): Früher waren doch die Kinder auch von früh bis spät mit Gleichaltrigen im Hof. Warum war diese Gleichaltrigenorientierung nicht so problematisch wie heute? Auch damals verbrachten sie kaum Zeit mit den Eltern und trotzdem sind die Probleme heute gravierender? Vielen Dank für Ihre Antwort.

Liebe Grüße …“

und meine Antwort:

Liebe Frau …,
das ist eine super Frage! Hier einige Aspekte dazu:
1) Die Kinder waren nicht wie heute in der Schule mit Gleichaltrigen den ganzen Tag zusammen, sondern mit den vielen Kindern, die da waren. Das war eine altersgemischte Gruppe aus Geschwistern, Vettern und Basen, Nachbarskindern, die Älteren gaben den Ton an und waren für die Jüngeren verantwortlich, die Jüngeren wollten (und durften oft) mitspielen. Ich erinnere mich aus meiner eigenen Kindheit an Spiele auf der Straße mit 10 Kindern und mehr, zwischen 5 und 12 Jahren.
2) Alle diese Kinder kannten zumindest vom Sehen die Eltern der anderen, und die Eltern kannten sich untereinander auch. Aber selbst wenn nicht, bildeten damals alle Erwachsene in Bezug auf Kinder eine Loyalitätsgruppe, jeder Erwachsene fühlte sich verantwortlich (was ziemlich lästig sien konnte, natürlich).
3) und vor allem: Die Kinder verbrachten zwar viel Zeit mit den mehr oder weniger Gleichaltrigen, aber sie waren nicht an ihnen ORIENTIERT. Das bedeutet, die maßgeblichen Personen für Weltsicht, Trost, Schutz, Orientierung, Geborgenheit waren überwiegend Erwachsene. Man ging zum Spielen auf die Straße und behauptete sich im Kreis der Kinder.[nbsp] Um sich geborgen zu fühlen, ging man nach Hause (selbst wenn zu Hause auch nicht alles golden war.
Im Guten wie im Schlechten waren die Eltern die wichtigsten Bezugspersonen. Die anderen Kinder nannte man damals „Spielkameraden“, sie waren (im Gegensatz zu den Erwachsenen!) zum Spielen da. Wenn Sie die Bullerbü-Bücher von Astrid Lindgren lesen, wird das sehr deutlich: Die Kinder sind den ganzen Tag zusammen, und die Eltern verbringen wenig Zeit mit ihnen, sondern machen ihre eigenen erwachsenen Sachen. Aber sie sind erstens im Hintergrund präsent (in meiner Kindheit waren die meisten Mütter zu Hause, und wenn man sich ob körperlich oder seelisch wehgetan hatte, konnte man da jederzeit heulend hinlaufen) und werden zweitens einmütig von den Kindern zu Hilfe gerufen, sowie diese sich von der Situation überfordert fühlen.

4) Die Gesellschaft war „früher“ insgesamt noch homogener, Alte und Jung konnten z.B. zur selben Musik tanzen und gemeinsam feiern, waren ähnlich gekleidet, aßen dieselben Speisen etc. Dies trug dazu bei, dass die Kinder weniger gefährdet waren, durch die Bindung an GLeichaltirge in Koflikt zu ihrer Bindung an Erwachsene zu geraten. Heute sind die Welten von Eltern und Kindern/Jugendlichen viel konträrer.

5) Mit diesen Ausführungen will ich überhaupt nicht sagen, dass „früher alles besser“ war. Im Gegenteil, vieles war viel schlechter, Gewalt und Einschüchterung als Erziehungsmittel waren viel mehr akzeptiert als heute, und auch vernachlässigte, misshandelte und missbrauchte Kinder gab es eher häufiger. Aber für die Orientierung an den Erwachsenen, den Schutz durch sie und die Geborgenheit bei ihnen waren früher die allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen günstiger.

Heute haben wir demgegenüber den riesigen Vorteil, dass wir mit den Erkenntnissen der Bindungs- und Entwicklungspsychologie, die Gordon Neufeld so genial allgemeinverständlich für uns alle aufbereitet hat, für unsere Kinder BEWUSST Bedingungen herstellen können, die ihnen optimale Entfaltung ermöglichen. Das ist viel besser, als darauf angewiesen zu sein, was an günstigen Bedingungen „zufällig“[nbsp] in der Gesellschaft üblich ist.
Gar nicht zufällig sind die entwicklungspsychologisch günstigen Bedingungen auch die, denen wir intuitiv zuneigen, wenn wir durch nicht verhaltensorientierte Dogmen im Kopf davon abgelenkt werden. Leider herrscht in den großen Medien eine Betrachtungsweise vor, die sehr stark an den ökonomischen Bedürfnissen (oder Zwängen?) der Erwachsenen und kaum an den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder orientiert ist.
So, ich hoffe, meine Antwort hilft Ihnen, ab jetzt noch überzeugender zu kommunizieren, was unsere Kinder brauchen: nämlich uns!

Herzliche Grüße
Dagmar Neubronner
P.S. Gerade ist ein weiteres Buch zum Neufeldansatz erschienen, „Der Neufeld-Ansatz für unsere Kinder“, das ich geschrieben habe, da Prof. Neufeld nicht zum Schreiben kommt. Sie finden es unter www.neufeldinstitute.de bei „Produkte“.

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